Alle möglichen Arten von Liebe – oder – Die Kolonisation des Mondes

EIN GESPRÄCH MIT JONATHAN SAFRAN FOER

Sein Romandebut Alles ist erleuchtet brachte dem 1977 geborenen amerikanischen Autor Jonathan Safran Foer internationalen Ruhm und Anerkennung. Über die poetisch-humorvolle und bewegende Verarbeitung der fehlgeschlagenen Suche nach seinen Wurzeln in der Ukraine sprach er in New York mit Ruth Priscilla Kirstein.

Die Handlung von Alles ist erleuchtet: Ein zwanzigjähriger amerikanischer Jude namens Jonathan Safran Foer kommt am Bahnhof der ukrainischen Stadt Lwow an. Mit einem vergilbten Photo und Landkarten bewaffnet möchte er im Rahmen eines dreitägigen Aufenthalts nach einer Frau namens Augustine suchen, die möglicherweise seinen Großvater vor den in sein Stetl Trachimbrod einfallenden Nazi-Truppen gerettet hat. Ein skuriles Trio holt ihn vom Bahnhof ab: Sein Dolmetscher Alex ist ein junger Ukrainer in Jonathans Alter, dessen Markenzeichen eine Sprache ist, die vom eifrigen Studium eines Englisch-Englischen Wörterbuches zeugt, wobei er allerdings mir zielsicherer Konsequenz und Komik stets das abwegigste Synonym wählt. Sein Fahrer ist Alex’ Großvater, der darauf besteht, blind zu sein und von einer übelriechenden Blindenhündin namens Sammy Davis Jr., Jr. begleitet wird.

Über die Ereignisse und Auswirkungen der Reise erfahren wir rückblicklend aus einer sechsmonatigen symbiotischen Korrespondenz, die sich nach Jonathan’s Abfahrt zwischen Alex und Jonathan entwickelt:

Jonathan sendet Alex Kapitel aus einem Roman, an dem er arbeitet und in dem er mit dichterischer Magie und warmem Humor die versponnene und zutiefst berührende Geschichte seiner Vorfahren im Stetl Trachimbrod ersinnt. Wir werden in den Bann gezogen von Figuren wie Brod, seiner mystisch-entrückten Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter, und seinem jung verstorbenen Großvater Safran, der Dank eines verkrüppelten Armes die Gunst unzählbarer Frauen genießt, ohne in der Lage zu sein, Genuß darin zu finden.

Alex anwortet Jonathan mit Briefen, in denen er mit Übermut wie rührender Unsicherheit seine Bewunderung für Jonathan und Amerika zum Ausdruck bringt und sein durchwachsenes Familienleben schildert. Jedem seiner Briefe fügt er ein Kapitel des Reiseberichts bei. Alex ist derjenige, der uns erzählt von der letzten Überlebenden Trachimbrods, die er, sein Großvater und Jonathan in einem verlassenen Häuschen fanden, eingemauert zwischen unzähligen akribisch beschrifteten Schachteln, welche die Habseligkeiten der vernichteten Stetlbevölkerung enthielten, und die sie „Augustine“ nannten. Das Häuschen Augustines, das Feld, wo einst Trachimbrod lag, und eine von Augustines Schachteln werden zum Menetekel und Schauplatz verstörender und lückenhafter Offenbarungen über die Ereignisse des Holokaust, die plötzlich dramatischen Gegenwartsbezug zeigen.

RUTH PRISCILLA KIRSTEIN: In Ihrem Buch spielt das Loch eine wesentliche Rolle: Im Falle des Loches im Bagel ist es Anlaß von Streitigkeiten unter den Stetlbewohnern. Im Falle des Loches in der Synagogenmauer führt es zum Haß der Frauen gegen die neugeborene Brod, die sie dadurch nicht vollständig sehen können. Im Falle des Loches in der Wand zwischen den Zimmern der Eheleute Brod und Kolker führt es zu neuentdeckter Intimität. War es auch ein Loch, das Sie dazu veranlaßte, dieses Buch zu schreiben?

JONATHAN SAFRAN FOER: Ich denke, es war das Loch, das jeden dazu veranlaßt, ein Buch zu schreiben, oder zumindest jedes Buch, das es wert ist, geschrieben zu werden. Sicherlich brauchen wir mehr Bücher auf der Welt, aber wenn kein Bedarf dafür besteht, sollte auch keines geschrieben werden. In meinem Falle ergab sich die Notwendigkeit aus einem persönlichen Gefühl des Mangels in meinem Leben, da ich nicht in der Lage war, innerhalb meiner Familie Fragen zu klären, wie „Woher komme ich?“, oder „Was fange ich mit mir an?“ und „Wer bin ich?“. Und ich konnte nicht die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ finden, ohne zu verstehen, woher ich komme. So habe ich nicht versucht, das Loch zu füllen, sondern dessen Ausmaße zu erkennen. Mein erster Schritt war, in die Ukraine zu fahren. Ich trat eine Reise an ganz wie die Reise im Buch.

Worauf sind Sie bei dieser Reise gestoßen?

Die wirkliche Entdeckung geschah, als ich das Buch schrieb. Nicht in der Ukraine, sondern an einem Schreibtisch. In der Ukraine fand ich nicht viel. Es gab keinen Alex. Keinen Großvater. Keinen Hund. Keine Frau, wie die Frau, die sie im Buch treffen. Ich stieß auf viele Sackgassen. Irgendwie wäre es ungerecht gewesen, mehr zu erwarten, denn es gab niemanden, den man hätte fragen können und ich habe keinerlei Nachforschungen betrieben, bevor ich losfuhr. Nachforschungen, wie zum Beispiel mit meiner Großmutter zu sprechen. Ich war einfach völlig unvorbereitet. Ich blieb vier Tage, nicht sehr lange. Ich hatte einen Dolmetscher. Er war völlig selbstbewußt und sprach fließend Englisch. Ich suchte nach einer bestimmten Person. Ganz wie im Buch hatte ich ein Photo von meinem Großvater mit einer Familie.

Mir ist aufgefallen, daß in Ihrem Buch Hauptpersonen wie Brod und Großvater Safran ihre wesentlichen Erfahrungen im Alter zwischen zehn und 18 Jahren machen. Da haben sie wichtige emotionale und intellektuelle Offenbarungen, da lernen sie Liebe kennen und verlieren Liebe, da erleben sie Vergewaltigung, Geburt und Tod. Ja sie kommen sogar schon auf die Welt mit gänzlich erwachsenen Zügen. Aber wenn sie das Alter von 18 erreichen, haben sie im Grunde ausgedient und altern vorzeitig. Dies steht in deutlichem Gegensatz zu denjenigen jungen Leute in Amerika , die Highschool und College durchlaufen, dann einen Job nach dem anderen haben, aber letztendlich darauf warten, daß zu irgendeinem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben sich ein Sinn findet.

Das Buch, an dem ich nun arbeite, hat gerade damit zu tun. Darin gibt es einen Mann, der einen Schlüssel findet. Er weiß, daß der Schlüssel mit seinem Vater zu tun hat, aber nicht in welcher Weise. Er versucht, das passende Schloß zu finden, sucht in der ganzen Stadt. Es ist eine Analogie. So viele Leute befinden sich heute in einer ähnlichen Lage wie ich: Man kommt aus einer netten Familie, man muß sich nicht sorgen, wo die nächste Mahlzeit herkommt, überdies hat man eine solch großartige Ausbildung, alle Ressourcen der Welt stehen einem im Grunde zur Verfügung. Und dennoch ist es schwer, glücklich zu sein. Wozu verwende ich mein Wissen? Wie nutze ich meine Ressourcen? Und dieses Problem unterscheidet sich so gänzlich von dem Problem meiner Großeltern und Eltern, welches darin bestand, zu versuchen, den Schlüssel zu den Toren des Lebens zu finden. Jetzt sind alle Tore offen und die Frage ist, durch welches Tor man tritt. Am Anfang ist alles neu, aber wenn man einmal dreißig ist, ist nichts mehr wirklich neu. Man erlebt Dinge nur in einem anderen Umfeld, mit Ausnahme des Kinderkriegens.

Wenn in Ihrem Buch Augustine Jonathan fragt, ob er Kinder hat, antwortet er „Ich bin 20“, und Alex fügt hinzu „In Amerika ist es nicht üblich, Kinder zu haben“. Was sagt das darüber aus, wie junge Leute den Sinn ihres Lebens wahrnehmen?

Ich glaube nicht, daß die Menschen Sinn in ihrem Leben sehen. Ich glaube nicht, daß sich diese Frage zur Zeit stellt. Der Sinn des Lebens ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und das Leben zu genießen. Hier und jetzt. Man sucht sich eine Arbeit, mit der man genug Geld verdient, um das zu tun, was man tun möchte, die einem genug Zeit läßt, am Wochenende wegzufahren und eine Familie zu haben. Aber Fragen wie „Worin liegt der Sinn in meiner Arbeit?“ oder „Inwiefern wäre ich bereit, etwas von meinem Lebensunterhalt zu opfern, um diesen Sinn zu finden?“ stellen sich nicht. Mein neuer Roman, an dem ich jetzt arbeite, befaßt sich damit wesentlich intensiver als mein vorheriger.

Sie sprechen über die Jüdisch/Menschlicher-Fehler-Grenze in Trachimbrod, welche quer durch die Synagoge und das Stetl verläuft und die Aufrechten von den Schlaffen und das Jüdische Viertel vom Menschlichen Drei-Viertel trennt. Sie schreiben das Buch mit großer Zuneigung für die Schlaffen, und es ist gewiß „dreiviertel menschlich“. Worin liegt eigentlich der Unterschied zwischen „jüdisch“ sein und „menschlich“ sein?

Das ist der Witz, dazwischen zu unterscheiden. Ich denke, es ist eine solch groteske Unterscheidung. Wie kann etwas jemals von Bedeutung sein und sich nicht einfügen in jemandes Menschlichkeit? Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, Religion zu verstehen. Religion war immer etwas, das sich von meiner Menschlichkeit unterschied und sich mit ihr in einem Konflikt befand. Etwas, an das ich mich wende, und nicht etwas, das ein Teil von mir ist. Üblicherweise unfreiwillig, aus Schuldgefühl oder weil meine Eltern und Großeltern es von mir erwarteten.

Hatten Sie den Eindruck, daß die Religion Ihnen auch etwas gegeben hat?

Nein, wirklich nicht. Aber ulkigerweise, als ich das Buch schrieb, empfand ich das als eine wesentliche Rückkehr, weil ich dann in der Lage war, zu sehen, wie sie mein Leben beeinflußt hatte. Ich versuchte mich an Geschichten, leichte Kost. Ich war mir nicht bewußt, daß ich dabei lernte und hätte nie gedacht, daß ich später etwas nacherzählen oder selbst ausdrücken würde. Einer der erstaunlichsten Aspekte des Buchschreibens war, festzustellen, wie sehr eins diese beiden Welten eigentlich immer für mich gewesen sind.

Wie hat sich diese Erkenntnis auf Ihr Buch ausgewirkt?

Sie zeigt sich überall. Das ganze Konzept ist wirklich deutlich jüdisch.

Religiös, traditionell, ethnisch…? Das Wort „jüdisch“ kann alle möglichen Dinge beinhalten.

Richtig. Im Falle meines Buches hat es nichts mit Einhaltung von Geboten oder Kultur zu tun, sondern mit jüdischem Geschichtenerzählen. Das Geschichtenerzählen setzt sich in gewisser Weise davon ab, wird andererseits aber auch davon genährt. Es gibt allerlei Traditionen, sei es chassidisches oder zeitgenössisches Geschichtenerzählen. Mein Geschichtenerzählen ist geprägt von zeitgenössischem Humor, der jüdisch zu sein scheint.

Wie nehmen Sie das wahr?

Ich nehme es wahr als mich selbst. Ich bin keineswegs ein Fachmann für osteuropäische Literatur oder Tradition. Das geht mich nichts an. Ich habe mehr intuitiv geschrieben.

Zu Beginn seiner Reise sagt Jonathan: „Vielleicht ist es sinvoller, nach Liebe zu suchen als nach Trachimbrod“. In Ihrem Buch sieht man alle möglichen Arten von Sexualität, Vergewaltigung, Tod, Massenvernichtungen und schmutzige Ausdrücke, die interessanterweise nicht verletzend wirken. Alles in allem recht kathartisch. Am Ende hat man den Eindruck, „wirkliche Liebe“ entdeckt zu haben, aber möglicherweise eine Art von Liebe, die man nicht finden kann, die nicht mehr existiert, wie auch Trachimbrod nicht mehr existiert.

Das Buch soll nicht erotisch sein. Romantische Liebe, Liebe innerhalb der Familie, Liebe zwischen Freunden wie Alex und Jonathan und Selbstliebe, wie sie Alex am Ende entwickelt, kommen darin vor. Das Buch handelt von dem Ringen um diese verschiedenen Arten von Liebe. Es handelt nicht davon, ob das Ringen erfolgreich ist oder nicht oder was man von diesen Arten von Liebe hält. Es handelt von den letzten Worten des Buches, die stets wiederkehren: „Ich werde…“. Es handelt von der Bemühung und dem Willen, zu versuchen.

Die Ereignisse der Reise haben große Auswirkungen auf Alex’ Leben, das völlig auf den Kopf gestellt wird. Er bleibt zurück in der Ukraine. Am Ende verstößt er seinen Vater, sein Großvaters begeht Selbstmord, und er trägt nun die Verantwortung für die Familie und die Zukunft. Jonathan hingegen bringt alles ins Rollen, sieht in visionärer Weise Dinge voraus, die Alex und seinen Vater betreffen, kehrt dann aber nach Amerika zurück, wo er einen Roman schreibt und veröffentlicht. Jonathan selbst ist in gewisser Weise entrückt und produziert Kunst, von der Sie in Ihrem Buch sagen, daß sie nur mit sich selbst zu tun hat. An diesem Punkt brechen Alex und Jonathan den Kontakt ab. Zeigt sich da nicht eine große Diskrepanz zwischen den Auswirkungen, die die Ereignisse auf die beiden haben?

Wir wissen nicht, was die Auswirkungen sein werden. Es wäre gefährlich, die Auswirkungen auf Alex zu übertreiben. Wie anders ist sein Leben wirklich am Ende? Er wird die Arbeit seines Vaters übernehmen und wird am gleichen Ort wohnen bleiben. Werden er oder sein Lebensweg sich wirklich ändern? Es wäre ebenso falsch, die Auswirkungen auf Jonathan zu untertreiben. Zu Beginn des Buches ist er der Held und Alex ist der Dummkopf. Dann tauschen sie die Rollen. Das Buch handelt dann nicht mehr wirklich von Jonathan, wenn wir Alex folgen. Das Ende ist Alex und seiner Familie gewidmet. In der Art wie Jonathan Alex über den Roman schreibt, an dem er arbeitet, sieht es so aus, als ob sich sein Verhältnis zu seiner Großmutter ändern wird. Beide sind von den Ereignissen betroffen.

Alex schreibt Jonathan über deren Ankunft am Ort der Vernichtung Trachimbrods Neugier ist kein ausreichender Grund, über die Geschehnisse bescheid wissen zu wollen. Augustine sagt am gleichen Ort von sich, daß sie jung und dumm war, als sie nach Trachimbrod zurückkehrte.

Einer der ständig wiederkehrenden Ironien des Buches ist die Arroganz der Reise. Es ist sich der Dummheit Jonathans und seines Mangels an Demut wohl bewußt. Ich kann nicht stellvertretend über das „amerikanisch-jüdische Erlebnis“ sprechen. Einerseits tritt man eine dreitägige Reise als Tourist an, um einen Ort zu sehen, der wirklich keine Touristenattraktion ist. Es ist ein wirklicher Ort mit wirklichem Leiden und wirklichen Menschen. Und man kehrt zurück und schreibt ein Buch, daß großartig scheint. Andererseits hoffe ich, daß es besser ist, die Dinge so zu handhaben, wie ich es getan habe. Ich glaube, wenn ich einen realistischen Bericht über meine Reise geschrieben hätte und nicht versucht hätte, locker, humorvoll, ironisch und untertreibend zu sein, hätte das der Sache nicht gedient. Zu versuchen, mir etwas anzueignen, ist die einzige Art und Weise, die ich kenne, etwas zu respektieren.

Könnten Sie sich vorstellen, in der Realität eine Symbiose mit der nicht-jüdischen jungen Generation, wie sie in ihrem Buch in der Korrespondenz zwischen Alex und Jonathan für kurze Zeit existiert, in einem der Länder, die Schauplatz des Holokaust waren, zu leben?

Ob ich mir das vorstellen kann? Das ist als ob ich mir vorstellen sollte, den Mond zu kolonisieren.

Sie haben die Rechte vergeben, Alles ist erleuchtet zu verfilmen. Können Sie sich Ihr Buch als Film vorstellen?

Nein, aber das muß ich auch nicht. Das geht mich nichts an. Das ist wieder so wie mit der Kolonisation des Mondes.

10. Oktober 2003